Doch ohne klare Regeln und konsequente Verbote schadet die Digitalisierung der jungen Generation mehr, als sie nützt, warnt der Schulpädagoge Klaus Zierer in diesem Gastbeitrag. Er verweist auf internationale Debatten und empirische Befunde, die negative Auswirkungen von Smartphones, Tablets, Social Media und KI auf Lernen und Entwicklung zeigen.
Klaus Zierer, 25. November 2025, Deutsches Schulportal
Obschon auch sie nur mit Wasser kochen, lohnt ein Blick auf die besten Bildungseinrichtungen der Welt, um zu sehen, was dort anders läuft. Wer dies derzeit macht und die Debatten an der Harvard University verfolgt, wird innehalten müssen: Diskutiert wird nichts weniger als ein Verbot aller digitalen Geräte in den Seminarräumen. Während also in den Leuchttürmen der Bildungslandschaft erkannt wird, wie schädlich digitale Medien sind, wird in ihren Niederungen nach wie vor in eine Richtung gearbeitet: noch mehr digitale Medien.
Der Grund für diesen Irrweg ist in einem falsch verstandenen pädagogischen Liberalismus zu sehen, der daran glaubt, dass der Mensch als freies Wesen doch nur durch Selbstbestimmung zur vernünftigen Freiheit gelangen kann. So richtig das Ziel, so falsch ist der Weg. Denn der Weg ist hier nicht das Ziel. Bildungswirksame Erziehung kommt ohne Regeln und damit auch ohne Verbote nicht aus. Mit anderen Worten: Die Freiheit muss eingeschränkt werden. Eigentlich müsste man hierzu nicht Immanuel Kant zitieren, der die wichtige Frage stellt: Wie kultiviere ich die Freiheit bei dem Zwange? Es würde ausreichen, das tagtägliche Erziehungsgeschehen zu reflektieren, um zu erkennen, dass Freiheit ohne Regeln schnell zur Anarchie oder gar Tyrannei wird und für die Bildung nur schädlich ist.
70 Stunden vor dem Bildschirm, immer schlechtere Leistungen
Neben dieser bildungstheoretischen Erkenntnis gibt es mittlerweile noch viele weitere empirische Studien, die belegen: Ohne Verbote wird die Digitalisierung der Lebenswelt der nachwachsenden Generation weiter schaden. Schon jetzt verbringt der junge Mensch laut Postbank-Studie mehr als 70 Stunden pro Woche vor Bildschirmen – und kann immer schlechter rechnen, lesen und schreiben.
Vor dem Hintergrund der aktuellen Debatten sind folgende vier Verbote dringlicher denn je: Erstens ist ein Verbot privater Smartphones an den Schulen überfällig, das ganz einfach zu klären wäre. Denn kein Schüler, keine Schülerin und auch keine Lehrkraft braucht im Unterricht das private Gerät. Wer digital unterrichten möchte, soll dienstliche Geräte nutzen, die von den Ministerien zur Verfügung gestellt und eingerichtet werden müssen. Damit würde auch das Kernproblem von Smartphones wegfallen: Sie lenken ab, binden Aufmerksamkeit und verhindern Lernen. Der Brain-Drain-Effekt durch Smartphones, der gezeigt hat, dass allein schon die Anwesenheit des privaten Geräts Bildungsprozesse stört, ist der Klassiker in diesem Kontext und mittlerweile zigfach repliziert. Immer mehr Schulen, auch in Deutschland, berichten zudem, was die Forschung bereits belegt hat: dass nämlich Smartphone-freie Schulen funktionieren.
„Die empirische Bildungsforschung zerlegt den Glauben an ein Je-früher-desto-besser.“
Zweitens ist es an der Zeit, den Tablet-Wahn zu stoppen, der eigentlich nur einer Klientel nützt: Apple und Co. Denn pädagogisch betrachtet steht außer Frage, dass die Kernkompetenzen des Lesens und Schreibens in Mitleidenschaft gezogen werden. Denn das Medium verändert die Art und Weise, wie Menschen denken. Die Folge eines zu frühen Einsatzes von Tablets im Lernprozess ist, dass sich vertieftes Lesen und Schreiben, das vor allem beim Lernen wichtig ist, nicht mehr ausbildet. Damit zerlegt die empirische Bildungsforschung den Glauben an ein Je-früher-desto-besser, weil Lesen und Schreiben gerade in der Phase des Kompetenzerwerbs – und damit sicherlich bis ins 16. Lebensjahr hinein – bildungswirksamer vonstattengeht, wenn analoge Medien zum Einsatz kommen.
Das soll nicht grundsätzlich gegen eine Digitalisierung im Bildungssystem sprechen, aber deutlich gegen das Tablet als Leitmedium. Von der Schule eingerichtete und verwaltete Tablet-Wägen reichen aus, um im Unterricht gezielt Tablets einzusetzen und Medienerziehung umzusetzen. Völlig inakzeptable Szenen, in denen Schüler und Schülerinnen auf den staatlich finanzierten Privat-Tablets während des Unterrichts Onlinegames spielen, gibt es dann nicht mehr.
Die pädagogische Verantwortung, im Hier und Jetzt zu handeln
Drittens ist an den Schulen eine altersbegrenzte Nutzung von Social Media notwendig. Es ist der große Verdienst des US-amerikanischen Sozialpsychologen Jonathan Haidt, einen umfassenden Blick auf den Einfluss sozialer Medien vorgelegt und eine klare Empfehlung aus evidenzbasierter Sicht formuliert zu haben: Schülerinnen und Schüler müssen vor Social Media geschützt werden. Schon aufgrund ihrer neurologischen Entwicklung können sie die damit verbundenen Gefahren nicht allein meistern (und übrigens auch viele Erwachsene nicht).
Wer hier als Kritik ins Feld führt, dass es aber doch keine Kausalketten gebe, wird lange warten – und verkennt den Erziehungsauftrag. Denn es gibt so gut wie keine Kausalketten in der Erziehung, dafür aber die pädagogische Verantwortung, im Hier und Jetzt zum Wohl der Kinder und Jugendlichen zu handeln – ja handeln zu müssen! Nichts zu tun und nur zu hoffen, dass die junge Generation das schon hinbekommt, ist die naivste Form, weil sie blind gegenüber Forschung und Theorie ist.
Und viertens bedarf die KI der Regulierung. Zweifelsfrei sind die technischen Entwicklungen im Bereich der KI mehr als beeindruckend. Die Leistungsfähigkeit der großen Sprachmodelle (Large Language Models) wie ChatGPT übertrifft vielfach das, was Kinder, Jugendliche und auch so manche Erwachsene können. Aber das Ziel von Bildungseinrichtungen ist, dass der Mensch das Denken lernt und sich bildet. Es nützt dem Menschen nichts, wenn der Rechner die an ihn gestellten Denkaufgaben in Sekundenschnelle erfüllt und ihm Stunden später außer der Lösung nichts mehr bleibt. Das Gehirn verkümmert, wie eine MIT-Studie jüngst eindrucksvoll gezeigt hat.
Von der spielbasierten zur bildschirmbasierten Kindheit
All das ist schon heute sichtbar und Folge eines naiven Einsatzes von ChatGPT und Co, der Hausaufgaben übernimmt, Aufsätze unnötig macht, der Rechnen im Kopf ersetzt, der das Übersetzen von Fremdsprachen hinfällig macht und dergleichen mehr. Nicht nur, dass der Mensch so nichts mehr weiß und kann – er entwickelt auch seine Persönlichkeit nicht weiter. Denn Bildung bedeutet im Kern, dass der Mensch sich die Welt erschließt und gleichzeitig von der Welt erschlossen wird.
„Wer in der analogen Welt keine Kompetenzen erworben hat, wird in der digitalen Welt scheitern.“
Die Aneignung von Wissen und Können führt immer zu einer Veränderung der Sicht auf die Welt, auf Haltungen wie Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt, auf Wertungen und Einstellungen. Mit anderen Worten: Herzens- und Charakterbildung sind die Folge. Die Einsicht in das, was Bildung wesentlich bezeichnet, erfordert es, nicht den leichten, den „modernen“, den „coolen“ Weg zu gehen, sondern den herausfordernden, den tiefgründigen, den unliebsamen. Wer das verstanden hat, wird die Technik weiterhin mit Begeisterung betrachten – aber das Wunder „Mensch“ steht über alledem.
Eigentlich bedarf es zu den genannten Punkten keiner weiteren Forschung und auch keiner Expertenkommissionen. Die Datenlage ist eindeutig: Die Transformation einer spielbasierten Kindheit hin zu einer bildschirmbasierten Kindheit und – im Zuge dessen – einer humanen Schule hin zu einer digitalen Schule schadet der nachwachsenden Generation.
Denn eines muss angesichts bildungstheoretischer und empirischer Erkenntnisse klar sein: Die Stärke der digitalen Welt steht auf den Schultern der analogen Welt. Wer in der analogen Welt keine Kompetenzen erworben hat, wird in der digitalen Welt scheitern. Höchste Zeit also, dass bildungspolitischer Mut gefasst wird und endlich Verbote erlassen werden – von der Kita bis hin zur Universität.





